Annette Wendt

Es gibt also Länder ohne Ort und Geschichten ohne Chronologie. Es gibt Städte, Planeten, Kontinente, Universen, die man auf keiner Karte und auch nirgendwo am Himmel finden könnte, und zwar einfach deshalb, weil sie keinem Raum angehören. Diese Städte, Kontinente und Planeten sind natürlich, wie man so sagt, im Kopf der Menschen entstanden oder eigentlich im Zwischenraum zwischen ihren Worten, in den Tiefenschichten ihrer Erzählungen oder auch am ortlosen Ort ihrer Träume, in der Leere ihrer Herzen, kurz gesagt, in den Gefilden der Utopien.

Michel Foucault, Dits et écrits 1984 , Des espaces autres (conférence au Cercle d’études architecturales, 14 mars 1967), in Architecture, Mouvement, Continuité, n°5, octobre 1984.

In Deutschland aufgewachsen lebt Annette Wendt seit 1985 in Frankreich, und als Kunsthistorikerin im Fachbereich mittelalterliche Ikonographie und Theologie bezieht die Künstlerin das Wissen und die Kenntnis der vergangenen Zeiten in die Fragen der aktuellen Welt ein.

Es war eine Wahl, nicht an einer Kunsthochschule sondern an einer Universität Kunstgeschichte und Archaäologie mit Schwerpunkt Mediävistik zu studieren. Eine der wichtigsten Zentren der Mittelalterlichen Ikonographie befindet sich an der Universität von Poitiers in Frankreich. Dort hat die Künstlerin die Gelegenheit wahrgenommen, Texte zur Pigmentpräparation aus der Spätantike und dem Mittelalter einzusehen, im staatlichen Forschungszentrum Pigmente herzustellen und in der Miniaturmalerei anzuwenden.
Im Verlauf der Promotion an der Freien Universität Berlin hat sie nicht nur die ikonographisch-theologischen Elemente der Ausmalungen der Kirche Les Salles-Lavauguyon analysiert sondern auch die Technik der Freskomalerei mit einem Meister erlernt.
Diese Kenntnis über Herstellung und Applikation verschiedener Maltechniken ist in die Konzeption ihrer Kunstprojekte und den Fragen zur Rolle der Malerei in der heutigen Zeit eingeflossen und die Arbeit zum Thema der Bewegung ist aus der Kombination der Auseinandersetzung mit der Bedeutung und dem Bedeutungsträger der Geste in der Malerei und dem Blick auf eine Welt, die augenscheinlich keine Grenzen kennt, abgeleitet.

Interdisziplinär werden für die Installationen Kunst- und Ausdrucksformen befragt, deren unterschiedliche Ebenen der Projektion sich übereinanderlegen, sich ergänzen und die Metamorphose der Existenz sichtbar machen.

Die Arbeit stellt sowohl gesellschaftlich als auch geopolitisch spezifische Fragen an einen Ort und an die Menschen und in diesem permanenten Wechsel entstehen die einzelnen Kunstprojekte wie Kapitel eines Buches. Für die Zeit einer Ausstellung arbeitet sie mit internationalen Künstlern anderer Disziplinen zusammen, den soziologischen Fragen der Migrationen nachzugehen. Frankreich / Deutschland / Italien / Palästina / Israel / Libanon.

Die Kunstprojekte werden seit vielen Jahren von Stiftungen, regionalen, nationalen sowie europäischen Institutionen unterstützt und gefördert.
Seit 2018 ist die Künstlerin wieder einmal in Deutschland auf dem Weg, und konzipiert ihre Installationen als interaktive Kunstprojekte.